Licht und Schatten



Licht


Zu Beginn der achtziger Jahre hatten der Kalte Krieg und das atomare Wettrüsten derart bedrohliche Dimensionen angenommen, daß wir begannen, den Atem anzuhalten. Neue Waffensysteme waren entwickelt worden, deren Zielgenauigkeit und Zerstörungskraft alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen sollten. Nun wurden sie 'in Dienst' genommen, und wir begannen uns notgedrungen mit

der Frage  auseinanderzusetzen, ob die Menschheit nicht im Begriff sei, auf einen Weltuntergang zuzusteuern. Zumindest könnte es einen begrenzten Atomkrieg in Europa geben. 


Mit dieser bangen Ahnung war ich damals gewiß nicht alleine. Wir alle fühlten uns in Mitteleuropa wie auf einem Truppenübungsplatz, und dieses scheußliche Gefühl nahm an Intensität zu, je länger die angespannte Situation dauerte. Die Grenze verlief zwischen Frankreich und Polen, und Deutschland würde wohl die Feuerlinie in diesem Szenario sein. 


Die Lage hatte sich dramatisch zugespitzt. Was bisher nur eine eher unwahrscheinliche Möglichkeit gewesen war, schien jetzt erschreckende Wirklichkeit werden zu wollen. Die Achtundsechziger waren endgültig vorbei. Wir hatten uns darauf eingestellt, daß Veränderungen ihre Zeit brauchten, aber eine derartige Verschärfung der machtpolitischen Konstellation hätte sich wohl keiner träumen lassen. Wir begannen zu verstehen, was das Konzept vom 'Gleichgewicht des Schreckens' tatsächlich bedeutete. Es war unbegreiflich!


Doch wenn ich schon die Gegenwart nicht verstehen konnte, dann vielleicht die Vergangenheit. Die Frage, wie es dazu kommen konnte, und warum gerade jetzt, ließ mich nicht ruhen. Und dann: wie konnte es geschehen, daß eine Welt, die so viele Veränderungen und Katastrophen überdauert hatte und zuletzt doch immer gestärkt daraus hervorgegangen war (so verstand ich es damals, inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher), derart aus dem Gleichgewicht geraten war, daß sie im Begriff stand, sich selbst zu zerstören? Mehrere Millionen Jahre Menschheitsentwicklung, und jetzt, nach ein paar lumpigen tausend Jahren Neuzeit, sollte plötzlich Schluß sein?


Darum nahm ich mir vor, nach einer Antwort auf meine Fragen zu suchen, und wenn es sie gab, mußte sie in einem genauen Studium der Geschichte liegen. Dabei bewegte mich die Idee, daß es einen Ursprung in dieser unglückseligen Entwicklung gegeben haben mußte, eine Stelle in der Geschichte unserer Zivilisation, an der die Ursache dessen zu finden sein könne, was sich nun so dramatisch zuspitzte.


Die Suche nach den Anfängen dieser Katastrophe? Ein solches Unterfangen würde bedeuten, die Geschichte von der Jetzt-Zeit her aufzurollen, und die ersten Schwierigkeiten stellten sich dann auch sehr schnell ein. Je mehr ich mich in das Studium der Geschichte vertiefte, desto verwirrender erschien mir diese. Vor allen Dingen mußte ich bald meine Vorstellungen von den Anfängen unserer Zivilisation verwerfen, als mir klar wurde, daß diese Anfänge keineswegs nur jenen allgemein gepriesenen Aufbruch zum Licht der Er-kenntnis bedeuteten, sondern auch den Aufbruch ins Dunkle von Krieg, Zerstörung und Vernichtung. Unübersehbar ging mit der Geburt des neuen Zeitalters auch der Beginn schwerer sozialer Defekte einher – die dunklen Seiten unserer Geschichte. Auf Lewis Mumford stieß ich erst später.


Mehr noch, das neue Zeitalter erschien mir bald wie ein festes und hochkomplexes Bedingungsgefüge, das sich in seiner Grundstruktur seither nicht mehr verändert hatte. Gewiß, es hatte Transformationen gegeben, aus den Opfern und Abgaben früherer Tage an den Gott-König oder den Priester-Fürsten war z.B. unsere Einkommenssteuer geworden, doch die innere Struktur war 'wie aus einem Guß' die gleiche geblieben und hatte sich lediglich mit einer mir unvorstellbaren Konsequenz weiterentwickelt.


Es war der Gedanke, daß sich dieser Prozess gewissermaßen aus sich selbst heraus entwickelt habe, mit dem ich mich nicht anfreunden mochte, auch wenn er wohl von jedem ernst zu nehmenden Historiker geteilt wird. Mir erschien er dagegen überhaupt nicht logisch. Sicher ist die Vorstellung in mancherlei Hinsicht verlockend. Die Sache wäre entschieden, die Menschheit hätte sich die Suppe selbst eingebrockt, auslöffeln muß sie sie sowieso, warum hat sie nicht besser auf sich aufgepaßt. Oder wir hätten es letztlich mit 'dem Bösen' in uns selbst zu tun, das auf irgendeinem Weg gesellschaftliche Gestalt angenommen hätte. Wir wüßten, wo der Feind steht, es ist der Teufel in uns! Somit könnten wir weiter für unsere Freiheit kämpfen, wenn es bisher nicht so recht funktioniert hat, dann nur, weil nicht alles bedacht worden ist, vielleicht also beim nächsten Mal.


Tatsächlich fand ich für diese These aber keine echten Beweise, hingegen zahllose Versuche, diesen bemerkenswerten Sachverhalt des  F e h l e n s  eines Übergangs vom Früher zum Heute durch ‚dialektische Konstruktionen‘ zu füllen. Ich selbst konnte in der Frühgeschichte der Zivilisation nirgendwo eine inhaltliche Verbindung mit Vorherigem erkennen. Hätte es eine Dialektik gegeben, hätte sich das irgendwie widerspiegeln müssen. Hat es aber nicht! Es war wie 'auf einen Schlag' geschehen. Das Alte war vernichtet worden, oder, schlimmer noch, es war regelrecht aufgesogen worden, hatte seinen inneren, sozialen, ehemals spirituellen und kulturellen Inhalt verloren und war in Denk-Dimensionen aufgegangen, die mir, offen gestanden, wenig menschlich und wie ‚entfesselt‘ erschienen. Das Neue war wie aus dem Nichts aufgetaucht. Wo ich auch hinsah, überall zeigte sich der gleiche Sachverhalt, doch davon später.


Bald glaubte ich nicht mehr an eine ‚Urknall-Theorie unserer Zivilisation’, an das Märchen, eine Handvoll Gangster, denn das wären sie dann ja wohl gewesen, hätten sich das Ganze vor ein paar tausend Jahren ausgedacht, einfach so, vielleicht auf dem Heimweg von der Jagd, damit alles von nun an schön rund läuft.  Es lief ja nicht rund! Im Gegenteil, es sah so aus, als liefe es systematisch aus dem Ruder! Also fragte ich mich: konnte in der Vorstellung einer Selbstgeburt dieser Zivilisation nicht ein fürchterlicher Irrtum verborgen liegen? 


Damit war ich mit meinen Überlegungen an einem Punkt angelangt, an dem ein halbwegs vernünftiger Mensch den Deckel zuklappen sollte. Ich war aber nicht vernünftig. Zudem war mir klar geworden, daß die Veränderungen, die mit der Geburt des neuen Zeitalters einhergegangen waren, tief in das geistig-seelische Erleben der Menschen eingegriffen hatten. Also dann doch auch in meines? 


Die Fortschritte wurden allgemein bewundert, die 'schweren sozialen Defekte' hingegen beklagt, und die Zusammenhänge, nach denen ich suchte, blieben in merkwürdiges Dunkel gehüllt, so, als wollten sie sich jeglichem Wunsch nach Klarheit entziehen. Woran mochte das liegen? Die schwersten Brüche in allen Lebensbereichen, wie sie heftiger und gewalttätiger kaum vorstellbar sind, die Folgen für unser Denken unabsehbar und verheerend, und wir wissen nichts davon? Schlimmer noch, das interessierte niemanden?


Im Großen und Ganzen sah ich es zuletzt so: beispielsweise war es offensichtlich, daß mit dem Beginn der Neuzeit ein gänzlich anderes Konzept von Raum-Zeit aufgetaucht war, was fundamental den menschlichen Denk-, Sprach- und Vorstellungsraum verändert haben mußte. Diese Veränderung wurde in Ägypten begleitet von einer befremdlichen religiösen 'Ethik', die es vorher einfach nicht gegeben hatte, und die sich alsbald als ein abgrundtief häßlicher ‚Totenkult‘ entpuppte, der eine ganz bestimmte 'Magie des Opfers' praktizierte und nur ein Ziel kannte: Unsterblichkeit. Die Sumerer gingen anders vor und erfanden die Gesetze. Es lief aufs Gleiche hinaus.

Neu war auch die Gründung von Staatsgebilden mit dem erklärten Ziel, Macht auszuüben, ja, es entstanden regelrechte Kraftwerke der Macht, die ihre Existenz auf Krieg, Vernichtung und Sklaverei gründeten. 

Auch in der Kunst gab es mehr Fragen als Antworten. So stellt beispielsweise das erste und älteste Bild des 'neuen Stammes am Nil‘ Falken und Geier dar, die über Menschen herfallen und sie zerfleischen. Davor finden sich in der Kunst durchwegs Darstellungen von Fischfang und Jagd. Zeigt mir ein Bild aus dieser Zeit vom Krieg! Bis zurück zu den Höhlenmalereien. Dieser Bruch mit allem bisher Dagewesenen war Ausdruck von was? einfach so? Aus dem Stand, sozusagen? Und nirgendwo sah es so aus, als ob das irgendjemanden kümmerte. 

Die psychischen Folgen erschienen mir kaum weniger schwerwiegend: Führte nicht der Verlust an Ich-Funktionen und die Entfesselung von ehemals sozial gebundenen Triebkräften zu einer scheinbar unaufhaltsamen gesellschaftlichen Regression (Ent-Sublimierung)? 


Das waren die Gründe, warum ich - nach der Lektüre der Pyramidentexte - das, was ich bis dahin verstanden hatte, in BLÄTTER niederschrieb, dazu entwarf ich eine Art Bilderschrift und ein eigenes Zählsystem für die Seiten. Seither habe ich diese Arbeit,

wohlmeinenden Ratschlägen folgend, aufgehoben im dreifachen Sinne: ich habe sie infragegestellt, auf eine neue Stufe gehoben, und eben aufbewahrt.


Zuvor hatte ich sie auch A. Holl in Wien gezeigt, da mir seine Meinung viel bedeutete. Während er darin herumblätterte und das eine oder andere aufmerksamer las, nannte er mir spontan zwei, drei verschiedene Geschichtstheorien, die die sog. Fortschritte in der Menschheitsentwicklung mehr oder weniger restlos erklären würden. Zwei oder drei – gab er mir damit nicht ungewollt Recht? 

Dann meinte er: "Das ist ein hermetischer Text, den versteht niemand!"

"Aber das soll es ja gerade sein!“, entgegnete ich. „Er soll die Menschen neugierig machen."

Da schaute er mich beinahe mitleidig an: "Dazu fehlt der Humor!“, erklärte er. „Das schreckt ab, sich näher damit zu beschäftigen."

Ich mußte ihm zustimmen. Denn obwohl ich mich bemüht hatte, den Text ein wenig lesbarer zu gestalten - dem Werk fehlte tatsächlich der Humor! Weil ich indessen überzeugt war, daß ich doch welchen besaß, mußte er irgendwie im Verlauf meiner Arbeit auf der Strecke geblieben sein. 


Die Bilder finde ich immer noch schön. Die meisten habe ich mit Filzstiften hergestellt, darum ist BLÄTTER ‚lichtsicher‘ in meinem roten Metallkoffer untergebracht, der, während ich dies schreibe, zu meinen Füßen steht.


WARNUNG! Ich habe nichts dazugelernt. Vielleicht liegt es am Thema. Auch der nachfolgende Text ist leider absolut humorlos und eignet sich darum nur sehr begrenzt zur Erbauung.


Natürlich machte ich auch nach BLÄTTER unverdrossen weiter, doch einen logisch nachvollziehbaren Weg aus der sogenannten Steinzeit zum Jetzt habe ich nie gefunden. Jeder Erklärungsversuch widersprach fundamental dem Wesen von Kultur, die ja dann kläglich versagt hätte, und letztlich auch dem historischen Material.


Mit Lesen alleine kam ich nicht weiter. Karl Marx beschrieb die materiellen Gesetzmäßigkeiten dieser Gesellschaft und ihrer Geschichte. Alfred Sohn-Rethel zeigte, wie sehr unser Denken das Resultat einer warenproduzierenden, geldvermittelten Gesellschaft war. Beide wiesen nach, wie gesellschaftliche Macht unmittelbar von der Aneignung der körperlichen und geistigen Arbeit der Menschen und deren Arbeitsprodukten lebte. Lewis Mumford beschrieb letztlich den gleichen Sachverhalt phänomenologisch als das Wirken einer aus Menschen gemachten Maschine, deren Ursprünge er in einer Art Selbstgeburt in den Anfängen des Zeitalters sah. Doch das alles warf mehr Fragen auf, anstatt die alten zu beantworten. 


Auf der Suche nach einem Weg durch diese Wand stieß ich auf Joseph Weizenbaum, auch auf Ludwig Wittgenstein, und schließlich  auf seine Kontroverse mit A. Turing. Dabei vergaß ich nie, daß Gesetze eine Erfindung der Sumerer waren. Wenn es also die Geburt einer Maschine gewesen wäre, dann war es nach Weizenbaum die Geburt einer Idee: der Idee eines in sich konsistenten Regelsystems. Ca. 5000 vor Christus!


Könnte man dann nicht gleich unsere Zivilisation einen kybernetischen Organismus nennen? 


Und ihre Geburt als den Beginn eines ungeheuren Kristallisierungsprozesses sehen? Dann könnnte man auch sagen, der Keim von damals wachse unaufhörlich und schreite immer weiter voran. Es ist das Wesen von Kristallen, daß sie sich nicht verändern. Vieles von dem, was L. Mumford als 'Mythos der Maschine' bezeichnet, läßt sich auch unter diesem Blickwinkel betrachten. Nebenbei: Sowie die Möglichkeiten vorhanden waren, wurden riesige und erstaunlich genaue Abbilder von Kristallen geschaffen (Pyramiden, Obelisken, Zikkurat – woher hatten sie eigentlich die Kenntnis?), die neben vielen anderen möglichen Bedeutungen auch als Leitbilder für eine zukünftige (Zeichen-) Welt zu verstehen sind.


Zurück zur Psycho-Historie: Konnte es sein, daß gerade die 'Verbindung von maßloser Macht und Produktivität mit ebenso maßloser Gewalt und Destruktivität' (Mumford) den eigentlichen Antrieb für einen permanenten Umformungs- und Abstraktionsprozess unseres Denkens bildete? Konnte es also sein, daß das eigentliche Wesen dieses neuen Zeitalters in der Herrschaft über unsere Denk- und Wahrnehmungswelt bestand? Unsere Denkwelt die Selbstdarstellung einer neuen Macht, die alles übersteigt? Wüßten wir es heute nicht besser, wir sprächen doch von Größenwahn! Eine bedrückende Vorstellung.


Unmenschlich? Vielleicht war es der Anblick von M42 (der geneigte Leser möge sich kundig machen), der mich in den Wintertagen 1983/84 – ich schrieb die ersten Seiten von BLÄTTER – immer wieder faszinierte, daß ich auf den Gedanken kam, es könnte

möglicherweise doch so etwas wie eine 'Invasion aus dem Weltraum' gegeben haben. Das war jetzt aber wirklich schwerer Tobak! Trotzdem dachte ich den Gedanken weiter, so absurd er mir auch auf den ersten Blick erscheinen mochte. Der aufgeklärte Leser darf sich jetzt getrost mit Grauen abwenden, ich kann es ihm nachfühlen. 


Kurz und gut, ich postulierte eine nicht-menschliche Intelligenz mit einer vermutlich kristallinen Struktur, die irgendwann, vielleicht in

der mittleren Steinzeit, auf der Erde gelandet ist, aber selbst nie in Erscheinung getreten ist. Wie sie vom Geist der Menschen Besitz ergriffen hat, weiß ich nicht, und darüber mag ich auch nicht spekulieren. Fakt scheint mir, sie hat, denn die Dokumente aus jener Zeit strahlen vor allem eines aus: Besessenheit. Diese Warlords, wo sie auch auftraten, daran habe ich keinen Zweifel, waren besessen. Das Ziel dieser Besitzergreifung schien mir wiederum offenkundig: um sich mit unserer Hilfe zu reproduzieren, also eine Art Geburtsvorgang. Es war der Beginn eines neuen Zeitalters und der Beginn von Geschichte. Ich postulierte außerdem, daß dieser Geburtsvorgang auch heute noch nicht abgeschlossen sei. Auf die Idee der sogenannten Von-Neumann-Sonde stieß ich erst viel später. 


Als Denkexperiment (meinetwegen als Metapher), mochte es dazu verhelfen, die Geschichte mit neuen Augen zu sehen (die alten haben sich nicht immer als besonders brauchbar erwiesen). Warum sollte ich also nicht einmal die Bedeutung der Dinge unter diesem Gesichtspunkt überprüfen, einem alten Zen-Spruch folgend: wenn sie sich auch verbergen, an ihren Schatten könnt ihr sie erkennen? Den Versuch wäre es wert. Hauptsache, immer schön auf dem Boden bleiben dabei – so gut das dann noch geht.

 


Schatten


Wir wissen nicht genug. Aber wir wissen von den uralten Beschwörungen, die aus den Anfängen des Zeitalters stammen und gegen Ende des Alten Reichs in Ägypten niedergeschrieben wurden, bekannt als Pyramidentexte. Sie waren geheim – denn wer konnte

damals lesen? – und verborgen. Sie kündeten ein neues Zeitalter an, kündeten es in den Köpfen der Menschen an, lange, bevor es

in der äußeren Wirklichkeit Gestalt annahm.


Ich meine, daß zumindest Teile der Pyramidentexte, gerade durch ihre Bedeutung als rituelle Beschwörung, die Ankunft eines neuen Zeitalters voraussagen, das sich von Anfang an mit ungeheurer Gewalt der Menschen, sowie ihrer Gedanken und Vorstellungen, bemächtigte. Es klingt in der Tat wie ein Programm:


„Unser Wille zur Macht ist unser Wille, den Tod zu überwinden“: wer mag heute noch daran zweifeln? in eben diesem Sinne finden wir – in Ägypten – einen Totenkult vor, dessen blutige Spuren von den ersten Anfängen des neuen Zeitalters an deutlich zu erkennen sind. Für ihn ist die höchste Macht Unsterblichkeit, denn dem Unsterblichen ist schließlich alles Lebende Opfer. Der Kult der Sumerer nahm einen anderen Weg, wie gesagt, sie erfanden die Gesetze.


Der Wille, den Tod zu überwinden, vereinte beide, muß also älter sein. Und beide herrschten von Anfang an mit etwas, was bis dahin den Menschen in dieser Form unbekannt war: dem Menschenopfer als Grundlage von Macht. Was läßt uns glauben, daß diese Herrschaftsform mittlerweile nicht mehr besteht? Aber vielleicht glaubt das ja auch keiner!


„Wir haben den Zwiespalt, den Kampf gemacht“: Es kann keinen Zweifel geben, im Verlauf unserer Zeitgeschichte waren Kriege plötzlich da, und hätte es sie schon früher gegeben, hätten die Menschen noch nicht einmal sprechen gelernt! Kriege entstanden nicht hier und dort, wie bei so vielen unterschiedlichen Kulturen zu erwarten gewesen wäre, sondern an einer einzigen Stelle auf diesem Erdball, Anatolien, und zu einem Zeitpunkt: die großen Metropolen der Steinzeit, wie z.B. Catal Hüyük, lebten über viele tausend Jahre in Frieden, aber Hacilar II wurde 5250 v.Chr. durch Krieg zerstört, und dies war einer der ersten, deutlich erkennbaren Schatten von Krieg auf dieser Erde.

 

„Wir haben unseren Leib mit Magie gefüllt“: dies ist vielleicht nur Teil eines noch größeren Programms, denn ich halte beispielsweise die frappierende Ähnlichkeit der sumerischen Wirtschaftslisten mit den monatlichen Wirtschaftsberichten, die wir aus den KZs der Na-tionalsozialisten kennen, nicht für zufällig. Auch ist es immer die Magie des Opfers, aus der die Macht schöpft, und dazu ein letztes Beispiel: die großen Siegesparaden wurden in Frankreich, in Paris, am Obelisken von Luxor vorbeigeführt, zu dessen Füßen die Herrscher und Heerführer Platz genommen haben. Sie huldigen also einem ägyptischen Obelisken (genauer: dem ihm innewohnenden Ka) in eben der Form, wie es die Anweisungen des ägyptischen Totenkults vorschreiben, und wissen wirklich nicht, was sie da tun?


Und weiter: „Wir haben den Verstand erschaffen“: unser abendländisches und wissenschaftliches Denken hat seine Wurzeln zweifelsfrei in Ägypten und Sumer, ein anderes Denken erscheint uns doch mittlerweile geradezu als absurd!

 

„Wir haben Raum und Zeit gemacht“: es besteht kein Zweifel, sie haben tatsächlich! Wir finden in den Anfängen des neuen Zeitalters auch den Ursprung unserer heutigen räumlichen und zeitlichen Vorstellungen: die Vorstellung des Messens in vielfältiger Form. Und Messen ist Besitzergreifen.

 

Die Menschen wurden ihrer eigenen Zeit und ihres eigenen Raums beraubt, denn beides beanspruchten die neuen Mächte nun für sich. Dadurch wurden sie auch ihrer Geschichte beraubt, und es ist hochinteressant zu sehen, mit welchen Mitteln und Methoden das in den Anfängen des Zeitalters bewerkstelligt wurde. Sie wurden zum Eigentum der Herrscher (sonst wären Gesetze sinnlos!).


„Wir haben das Zeitalter der Schlangen überwunden“: wenn sie damit das vorherige Zeitalter meinen, scheinen sie auch hier Recht behalten haben.


„Der große Zyklus, der untergeht“: es ist kaum zu fassen, da wird unser aller Ende offen angekündigt, und niemanden scheint das zu kümmern. Der große Zyklus, der untergeht, wird hier zum ersten Mal erwähnt. Erst von da ab taucht die Vorstellung eines

gewaltsamen Endes des Zeitalters als unabwendbares Schicksal immer wieder auf.



Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.