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Mai 68



Der Mai 68 und meine Zeit bei Politikon

(Wolfgang Wedl)


Zur Göttinger Studentenzeitschrift Politikon kam ich im Herbst oder Winter 1967, zuerst als freier Mitarbeiter (1). Wenig später trat ich in den SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) ein. Als im Mai 68 die Unruhen in Paris ausbrachen, fuhr ich mit meiner Frau und meiner Tochter, die damals gerade ein halbes Jahr alt war, dorthin, offiziell als Delegierter des Göttinger SDS, ausgestattet mit einem Presseausweis von Politikon


Ohne diesen Ausweis wäre ich vermutlich nicht weit gekommen, mit ihm aber auch nicht, denn schon an der Grenze gab es die ersten Schwierigkeiten. Man wollte uns nicht reinlassen, obwohl meine Frau Französin war – oder vielleicht gerade deswegen? Jedenfalls, so- viel war klar, herrschte die blanke Paranoia. Daß dann meine Schwiegermutter in Paris über den Zweck unseres Besuches nicht gerade erbaut war, überraschte mich nicht, daß sie aber ihr Mißfallen derart deutlich zum Ausdruck brachte, sagte mir genauso viel über den tiefen Bruch in der französischen Volksseele wie die Barrikaden im Quartier Latin.


In Paris nahm ich Kontakt zu Alain Geismar und Jacques Sauvageot auf, den beiden maßgebenden Studentenführern, und beschloß, sie einfach eine Woche lang zu begleiten. Dabei war es keine Frage, daß wir uns von den nächtlichen Barrikadenkämpfen fernhielten. Über Cohn-Bendit lächelten sie – taten sie doch das, wovon er nur sprach. Sie organisierten ganz praktisch den Zusammenhalt zwischen Studenten und Arbeiterbewegung, und der war eng. So wurde ich Zeuge einer offenbar schon seit Jahren etablierten Kaderarbeit der Studenten (besonders ML) in den Betrieben. Es gab tatsächlich so etwas wie ein ‚Hauptquartier‘, und dort herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Davon konnten einige hierzulande nur träumen! Für andere wäre es wohl eher ein Alptraum gewesen. In Frankreich hingegen hatte das wohl Tradition. 


Diese Gruppen organisierten die ersten Solidaritätsstreiks – bei Renault-Flins beispielsweise –, nachdem die CRS die Sorbonne gestürmt hatten, und wurden dann doch von einer Bewegung auf der Straße überrollt, deren Ausmaß und Wucht keiner mehr begreifen konnte. Der Geist weht eben, wo er will. Tapfer versuchten sie, hinterherzulaufen. Sollte also die Umzingelung von Paris durch die Truppen von General Massut doch nicht grundlos gewesen sein? Wie auch immer, De Gaulle war nach drei Tagen aus der Versenkung aufgetaucht wie der Messias, das Imperium schlug zurück, und binnen zehn Tagen bekam es die Verhältnisse wieder in den Griff. 


Dank des Presseausweises wurde ich auch aus nächster Nähe Zeuge der ersten Gegendemonstration, die die Reaktion hastig auf die Beine stellte. Unglaublich schnell, als wären sie auf der Flucht, kamen sie die Champs Elysées heruntermarschiert (ich schwöre, sie marschierten!), in breiten Reihen, untergehakt, überall grelle Uniformen, Anciens Combattants, mit Orden übersät, darunter Zivilisten, Frauen, aber die Uniformen überwogen. Wild entschlossen sangen sie die Marseillaise, immer wieder, und wild entschlossen war auch ihr Blick. Ich kann mir nicht helfen, was ich in ihren Augen las, schien mir nichts Gutes zu verheißen, ich war dicht genug dran. Sehr viele waren es nicht, und so schnell, wie sie gekommen waren, so schnell waren sie auch wieder verschwunden, doch ihr Blick ist mir in Erinnerung geblieben. 


Einen größeren Gegensatz zu dem, was ich einige Tage zuvor erlebt hatte, konnte ich mir nicht denken. Eine Million Menschen strömten zu Denfert Rochereau hinauf, redend, singend, lachend, dazwischen Sprechchöre. Sie waren von einem Unbehagen erfaßt, von einem Wunsch, der zur Idee werden wollte. Die Autoritäten hatten ihre Glaubwürdigkeit restlos verspielt. Halb Paris war auf den Beinen, jeder redete mit jedem, und jetzt hier, auf den Champs Elysées, sah ich den Grund für ihr Unbehagen. Diese Leute redeten mit niemandem. Das brauchten sie auch nicht, denn sie schienen zu wissen, was zu tun war. Vermutlich nichts Gutes.


Und was konnte ich tun? Mein Ziel, die Pariser Studentenbewegung kennenzulernen und Material für ein paar Beiträge in Politikon zu sammeln, hatte ich mittlerweile mehr als erreicht. Also nutzte ich die Gelegenheit und besorgte mir in der Académie Populaire des Beaux Arts (die Studenten hatten sie umgetauft) je eines von allen damals (noch) verfügbaren Plakaten. 


Für mich waren sie einzigartig, eine kreative Explosion. Sie waren überall und veränderten die Stadt, als hätten sie immer schon gefehlt. Studenten hatten begonnen, ihre Produktionsmittel selbst zu verwalteten, und damit etwas Neues geschaffen. Ihre Plakate suchten den Dialog, und Paris antwortete. Wie nie zuvor begannen seine Bewohner, miteinander zu sprechen. Insgesamt bekam ich 40 bis 50 zusammen. 


Bei der Gelegenheit erlebte ich auch Michel Foucault, der an dem Tag in die Académie gekommen war. Ich erinnere mich an einen schlanken, ungeheuer durchgeistigten Mann, der, von einer Schar Studenten umschwärmt, mit federnden Schritten die Treppe hinaufeilte. Oben war ein Vortrag, Diskussionen, ich gesellte mich dazu, der Saal war berstend voll. Alle spürten, daß sich etwas verändert hatte, aber niemand hatte ein Konzept, wußte, was zu tun war, also redete auch hier jeder mit jedem. Nebenbei gesagt, ist das gewiß auch das beste Mittel gegen Fernsteuerung. Ich blieb eine Weile, hörte zu, versuchte zu verstehen, dann ging ich wieder hinunter. Ich mußte mich um die Plakate kümmern, wenn es was werden sollte. Und das war gerade noch rechtzeitig, denn ein, zwei Tage später stürmten CRS die Académie und vernichteten die ganze Herrlichkeit. Verbrannte sie auf der Straße. Wo meine Plakate jetzt sind? Das muß mein Geheimnis bleiben, aber ich habe sie noch. 


Meine Beiträge zum Pariser Mai wurden nie gedruckt. Wolfgang Schäfer (2), ein wahrhaft anarchistisches Redaktionsmitglied, der auch später das berühmte Titelbild der Nr. 25 vom Oktober 1968 konzipierte (3), nahm die Ausarbeitungen samt Unterlagen an sich – und verschlampte sie. Sie tauchten nicht wieder auf. Ein Schelm, wer Schlechtes darüber denkt. Immerhin wurde ich so in die Redaktion von Politikon aufgenommen. 


In jenen Tagen war – beinahe naturgemäß – eine Gruppe von Redakteuren zu Politikon gestoßen (4), die von einer Idee erfüllt waren. Ein Beben, das ja um den halben Erdball gegangen war und in den Unruhen des Pariser Mai 68 gipfelte, hatte auch in Deutschland sehr deutlich und weithin sichtbar die starren Hierarchien der herrschenden Ordnung erschüttert – und bloßgestellt. Wir fühlten, daß eine neue Zeit heraufdämmerte. Jetzt wollten wir uns nicht länger sagen lassen, was wir zu denken hatten und was nicht. Dem politischen Zorn, der in dem Wunsch nach Selbstbestimmung aufgebrochen war, wollten wir eine Stimme geben. Und Das ‚politische Feld Universität’, wie es Martin Baethge (5) im Editorial der ersten Ausgabe von Politikon im Dezember 63 beschrieben, und dem sich die Zeitschrift bisher gewidmet hatte, erschien uns dafür zu klein, als ein ‚Ghetto’, aus dem wir sie herausführen wollten.


Schon zeichnete sich ab, daß zahllose K-Gruppen – man kann sie gar nicht alle aufzählen! – diese Bewegung von allen Seiten und klammheimlich für ihre Ziele ausschlachten wollten. Sie alle hatten im Grunde ein Dogma, und, schlimmer noch, sie wußten, was zu tun war. Dem galt es, etwas entgegenzusetzen, denn das konnte es ja wohl nicht sein! Wir wollten dafür sorgen, daß die Gräben so schnell nicht wieder zugeschüttet würden. Die Antworten auf die grundsätzlichen gesellschaftlichen Fragen, die uns bewegten, fanden wir sicher nicht in Peking oder Pankow. 


Wir nahmen einen anderen Dialog auf. Gesellschaftsanalysen, die genau jetzt und hier anstanden, sie schienen uns aktueller denn je, Fragen zur Basisdemokratie, die spätestens im Mai 68 wieder aufgebrochen waren (6). Wir verfolgten die Gedanken der Pariser Kommune von 1871, der politischen Selbstverwaltung und der Rätebewegung – worauf die alte Redaktion um Martin Baethge, Hannes Friedrich und Martin Osterland endgültig von Bord ging. Zuvor drückte mir Baethge noch einen Leitzordner in die Hand. Auch ihn besitze ich noch, und nach und nach wurde er dicker: Das Archiv.


Im Oktober 68 fuhr ich mit der Nr. 25 zur Frankfurter Buchmesse und organisierte dort für Politikon einen eigenen Stand. Der Himmel weiß, wie ich das anstellte, letztendlich rannte ich überall offene Türen ein. Die Zeit war einfach reif, und die Leute aus den konservativsten Verlagen umwarben mich geradezu. Wie reif sie war, zeigte auch Andreas Baaders Auftritt bei einem Verlagsempfang in einem Frankfurter Café (7). Der Empfang endete abrupt, denn die Polizei rückte an, alles floh, aber das ist eine andere Geschichte.


Im Handumdehen waren wir bundesweit vertreten, nachdem ich einen überregionalen Zeitschriftenvertrieb dazu brachte, Politikon in sein Sortiment aufzunehmen. Daneben bauten wir ein eigenes Vertriebsnetz auf, so fuhr ich beispielsweise lange Zeit mit einem Teil der Auflage nach Braunschweig und Berlin. Selbstverständlich wollten wir auch die Auflage steigern, und zwar beträchtlich. Anfangs stand sie bei zweitausend, und tatsächlich kamen wir dann in den besten Zeiten bis auf zehntausend. 


Eine andere Seite unserer Arbeit war weniger erfreulich. Erst ab und zu, dann immer häufiger, wurde ich von irgendwelchen geheimnisvollen Autos verfolgt, und manchen anderen in der Redaktion ist es nicht anders ergangen. Dann stellten wir fest, daß die Redaktion selbst bespitzelt wurde. Das Telefon wurde abgehört. Dann kam es zu Anklagen und Vorladungen gegen Einzelne aus der Redaktion, zumeist wegen Vergehens gegen das Pressegesetz und Landfriedensbruch. 


Soweit war alles noch irgendwie verständlich, denn, wie gesagt, damals herrschte die blanke Paranoia, doch zuletzt entwickelte sich das Ganze in eine Richtung, die sich nicht durch diese einfache Logik erklären ließ. Männer vom Staatsschutz riefen in der Redaktion an, warnten, drohten. Wir sahen keine Menschen, keine Gesichter, wir hörten anonyme Stimmen am Telefon, die kein Geheimnis daraus machten, daß sie genau über unsere Verhältnisse informiert waren. Dann kamen die Anrufe privat. Meiner Frau erzählten sie, was sie alles über unsere Familie wüßten. Es war unglaublich, welche Einzelheiten sie kannten! 


Auch die Verfolgungen hielten sie nicht mehr geheim. Schließlich erzählten sie uns Dinge, von denen wir selbst noch gar nichts wußten und beschuldigten uns, wir seien der Angelpunkt einer Verschwörung zwischen Heidelberg, Frankfurt und Berlin. Es war gespenstisch. Man konnte fast meinen, daß uns da jemand, wer das auch immer sein mochte, wenn er uns schon nicht mundtot machen konnte, in die Illegalität treiben wollte. Ein Kesseltreiben, das – rückblickend gesehen – an ‚Deutschland im Herbst’ erinnerte. Irgendwann hörte der Spuk auf, vielleicht, weil sie sich inzwischen auf die RAF eingeschossen hatten.


Wir wußten ja, daß wir mit unserer Arbeit heißes Pflaster betraten. Unbeirrt fuhren wir also fort, unbequeme Gedanken zu verbreiten, während unten auf der Straße – aus den Fenstern unserer Redaktion konnten wir sie gut beobachten, wir hatten einen Logenplatz – eine Demonstration nach der anderen vorbeiwogte. Mit der Zeit lichteten sich ihre Reihen. Am Ende verkamen die Aufmärsche zu einem obskuren Ritual, das ging so weit, daß wir die verschiedenen ‚Studentenführer’ an den Straßenecken stehen sahen: ihre Anhänger zählen. 


Für die Ausgaben Nr. 31 und 32 zeichnete ich verantwortlich. Just zu dieser Zeit, Im März 70, stellte der SDS, der inzwischen die antiautoritäre Bewegung in seinen Reihen ‚liquidiert’ hatte (so nannte er das allen Ernstes, und damit war eigentlich schon alles gesagt), an Politikon die Machtfrage. Ein imperatives Mandat sollte die SDS-Genossen unter den Redakteuren zwingen, sich dem Diktat des SDS zu beugen – konkret, die geplanten Artikel vor ihrer Veröffentlichung dem Göttinger SDS vorzulegen und 

Politikon derart zum Kampfblatt des SDS zu machen. Sie hatten die Maske fallen lassen. Wir lehnten dankend ab und wurden aus dem SDS ausgeschlossen. ‚Was tuts?’, antwortete Heinz Brüggemann in Nr. 31, wir sahen es als Bestätigung, daß wir den richtigen Weg eingeschlagen hatten.


Indem wir die Gedanken, die wir veröffentlichten, auch in die Tat umsetzten, hatten wir uns selbst organisiert, die Zeitschrift 

Politikon war zu einem – in dieser Form wohl ziemlich einzigartigen – selbstverwalteten Kollektiv geworden (8). Und alle, die in der zunehmende Dogmatisierung der Studentenbewegung den Grund für ihren Zerfall sahen, wandten sich an uns. Die Zeitschrift wuchs, und ich meine, wir haben eine ganze Reihe wirklich guter Nummern abgeliefert, immerhin wurden wir später auch nachgedruckt (9). 


Auch die Redaktion wuchs. Dann stellte sich heraus, daß ein paar der neuen Redakteure klammheimlich die Entmachtung des Redaktionskollektivs vorbereitet hatten. Soweit ich mich erinnere, war es Heinz Brüggemann, der ihnen auf die Schliche kam. Sie hatten ein regelrechtes Komplott geschmiedet, und ihre Instruktionen erhielten sie von der DKP. Ich konnte es nicht fassen. Sie waren ferngesteuert! Und dann sollten wir also der Klassenfeind sein? Ich denke immer noch, im Grunde ist es viel einfacher: Für sie waren wir fette Beute (10).


Meine Arbeit bei Politikon ging mit der Nr. 40 vom Juni 72 zu Ende, und damit endet auch mein Archiv. Wenn ich mein Studium abschließen wollte, mußte ich mich ums Geldverdienen kümmern. Zuletzt, so habe ich gehört, sei die Zeitschrift doch noch einer K-Gruppe in die Hände gefallen, aber das mochte ein Gerücht sein. Jedenfalls begann Politikon sanft zu entschlafen. 

 Geschrieben in 2008, ergänzt in 2009


(1)  Zur Geschichte von Politikon: Die Zeitschrift ging aus der Göttinger Studentenzeitung Prisma hervor, gab sich nach kurzem Intermezzo erstmals mit der Nr. 4 im Dezember 1963 den Namen Politikon und machte sich dadurch von AStA und Studentenrat unabhängig.


(2) Bartsch: Anarchismus in Deutschland, Bd.2/3, S.110-113 (S.111: Abbildung der Titelseite von Politikon Nr. 25, Oktober 1968)


(3) Wolfgang Schäfer war Chefredakteur der Nr. 25


(4) Den Anfang machte wohl Heinz Brüggemann im Februar 1966.


(5) Martin Baethge war Chefredakteur und Mitherausgeber der ersten Ausgabe.


(6) Im Kampf gegen solche Gedanken sind sich alle Seiten einig. In den 20er Jahren und im spanischen Bürgerkrieg kam vielleicht noch die Vorbereitung auf den großen Krieg dazu. 


(7) Die ‚Frankfurter Kaufhausbrandstifter’ warteten auf ihren ersten Prozess und vertrieben sich unterdessen ein wenig die Zeit.


(8) Redaktionskollektiv: Rüdiger B. Barasch, Heinz Brüggemann, Axel Bust-Bartels, Achim Ehrenberg, Frank Gerlach, Thomas Kleinspehn, Elfi Müller, Uwe Neumann, Wolfgang Schäfer, Hanfried Scherer, Wolfgang Wedl


(9) Reprint: Klassenkämpfe, Selbstverwaltung und Räte in Europa. Politikon. Bd.1. Hamburg: Verlag Association, 1974. 260 S. (Nachdruck wichtiger Aufsätze aus den Jahren 1968-72)


(10) Der Kampf um die Deutungsmacht reicht bis heute. Hans-Joachim Dahm bringt in seinem Buch ‚1968 in Göttingen‘ (Termessos 2008) das Kunststück fertig, ein Portrait dieser Zeit vorzulegen, ohne, von einem lausigen Sätzchen abgesehen, die Zeitschrift 

Politikon zu erwähnen.